An dieser Stelle werden zentrale Begriffe und Themen der Beziehung von Literatur und Bewegungskultur vorgestellt und diskutiert. Die Texte sind als pdf-Dateien abrufbar und sollten nach dem dort vorgeschlagenen Muster zitiert werden.

 

 

 

____ Prinzipielles _________________________________________________

 

Diethelm Blecking/

Matthias Brand

"Der Tod des Athleten". Sport und Literatur

[pdf]

eingestellt:

18.11.2005

Erik Eggers

Warum ignoriert die deutsche Literatur den Sport? Anmerkungen zu einem seltsamen Dilemma [pdf]

eingestellt:

26.8.2006

 

 

 

 

____ Begriffsarbeit ________________________________________________

 

Dirk Oschmann

Bewegung als literaturhistorischer Begriff

[pdf]

eingestellt:

17.11.2005

 

 

 

 

 

 

 

____ Einzelfragen _________________________________________________

 

Manfred Luckas

Brothers in arms: Boxer und Poeten [pdf]

eingestellt:

1.1.2006

 

 

 

 

____ Rezensionen _________________________________________________

 

 

 

 

 

 

 

 

____ Tagungsberichte ______________________________________________

 

 

 

 

 

 

 

 

        

 

 

____ Zur Forschungslage ______________________________________________

Die zahlreichen und in etlichen Fällen prominenten Berührungen zwischen Literatur und Leibesübun­gen sind von Seiten der Literatur- und der Kulturwissenschaften lange Zeit nur punktuell wahrgenommen und thematisiert, wenn nicht eher übersehen und verdeckt worden. Das Forschungsfeld ist daher thematisch wie methodisch wenig strukturiert. Anders als für das 20. Jahrhundert liegt für die moderne Konstitutionsphase der kulturellen Praktiken Literatur und Sport im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert keine über­greifende Untersuchung vor. Weder wurden bislang systematisch Textdaten erhoben noch gibt es fundierte Arbeiten zu einzelnen Autoren, Werken oder Problemen, auf die sich vorbe­haltlos zurückgreifen ließe. Daran hat sich nichts Wesentliches geändert, seit J. Göhler dieses Deside­rat vor nunmehr vierzig Jahren in der Bestandsaufnahme der frühen Nachkriegsgermanistik, in Deut­sche Philologie im Aufriß, namhaft gemacht hat. Für das 20. Jahrhundert existieren hingegen zwei neuere Arbeiten, die das Thema auf breiter Materialgrundlage, unter komparatistischen Gesichts­punkten und zum Teil mit historischen Verlängerungen angehen (Nanda Fischer: Sport als Literatur. Traumhelden, Sportgirls und Geschlechterspiele. Zur Theorie und Praxis einer Inszenierung im 20. Jahrhundert, Eching 1999; Mario Leis: Sport in der Literatur. Einblicke in das 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2000).

Aufs Ganze gesehen ist die Forschungslage zweigeteilt: Auf der einen Seite gibt es in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften vor allem seit den 1980er Jahren ein deutlich gewachsenes Interesse an der neuen ‚Weltreligion‘ Sport und ihrer Geschichte, das auch auf literarische Beispielfälle zurück­greift, aber nur partiell von Seiten der Literaturwissenschaften befördert wurde. Sport und Leibes­übungen nehmen in der Soziologie, der Geschichtswissenschaft und auch in der Philosophie ei­nen weitaus größeren Raum ein als in den Philologien. Auf der anderen Seite befaßte sich die Sport­wissenschaft, insbesondere die Sportgeschichte, seit ihren Anfängen mit der Darstellung ihres Gegen­standes in der Literatur – und zwar über die großen Texte der Antike (z.B. Homers: Sarkowicz 114) hinaus, die in Ermangelung anderen Materials als sportgeschichtliche Quellen dienten. Auch Göhlers ebenso mate­rialreiche wie unkritisch-positivistische Darstellung der Leibesübungen in der deutschen Sprache und Litera­tur steht unter eher sporthistorischen Vorzeichen. Legitimiert durch den weiten, kulturwissenschaftli­chen Entwurf der klassischen Philologie Wolff-Böckhscher Provenienz, der sich den elementaren Lebensäußerungen eines Volkes im Medium des Textes annimmt, geht es Göhler in seiner mehr als 70seitigen Aufzählung in erster Linie um die „Bedeutung literarischer Quellen für die Geschichte der Leibesübungen“. Die Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Leibesübungen und deren an­thropologische Gesichtspunkte, die Konkurrenz der Nationen, der militärische Aspekt, Geschlechter­fragen, Homosexualität oder auch die politische Funktion der Turnerbewegung: diese Themen sind bei Göhler ausgeklammert. Überhaupt ha­ben die Fürsprecher der Körperertüchtigung und die Förderer des Sports das hohe kulturelle Prestige der Literatur schon sehr früh gezielt zur Selbstlegitimation eingesetzt und zur Beantwortung der Frage, ob Sport auch Kultur sei.

Die frühen sportgeschichtlichen Spurensuchen bei Klopstock, Herder, Schiller, Arndt, E.T.A. Hoff­mann, Novalis, Kleist oder auch Stifter wurden zumeist in Publikationsorganen der Sportwissenschaft und -bewegung veröffentlicht und blieben in der Literaturwissenschaft weitestgehend ohne Reso­nanz. Pointiert ausgedrückt: Der hier schwächer, dort stärker zu Tage tretende argumentative Hinter­grund dieser ‚vorwissenschaftlichen‘ Texte ist stets ähnlich: Was die Dichter behandeln, ist wichtig und bedeutsam. Die Dichter behandeln die Leibesübungen und den Sport. Ergo: Sport und Leibes­übungen sind wichtig und bedeutsam. Von solchen Kuriosa wie der hippologischen Sammlung Goethe und die Reitkunst (H. B. Müller (Hg.), Hildesheim u.a. 1982) einmal abgesehen, stellt die 500seitige Monographie Körpererziehung bei Goethe. Ein Quellwerk zur Geschichte des Sports (1948) den Höhepunkt dieser Textgruppe dar. Sie stammt von einem der wichtigsten Protagonisten der deutschen Sportbewegung: vom Organisationsleiter der Olympi­schen Spiele 1936 und späteren Rektor der Sporthochschule Köln, Carl Diem, und macht in der Tat jede noch so vage Anspielung auf die Bewegung von Körpern dem Zweck untertänig.

Diese kulturelle Inferiorität der Leibesübungen repräsentiert sich auch in der Literaturwissenschaft. Noch deren sozialwissenschaftliche Öffnung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre hat die Vorbehalte gegenüber den Leibesübungen nicht abbauen können oder wollen. Im Unterschied zu an­deren wichtigen kulturellen Phänomenen, die im 18. und 19. Jahrhundert verstärkt in literarische Texte aufgenommen, dort umgearbeitet oder metaphorisiert worden sind, im Unterschied zu geogra­phischen, biologischen, pädagogischen, soziologischen, ökonomischen oder auch technischen Wis­sensbeständen und Themenfeldern fanden die Leibesübungen trotz ihres wachsenden gesellschaftli­chen Stellenwertes lange keine Beachtung. Erst eine stärker kulturwissenschaftliche und anthropolo­gische Orientierung des Faches führte zu Annäherungsbewegungen. Gleichwohl haftet dem Thema noch immer der Verdacht des ‚Exotischen‘ oder ‚Abwegigen‘ an. Selbst dort, wo sich die Literatur­wissenschaft aus anthropologischer Perspektive historisch mit dem Körper im Text befaßt, bleiben die Leibesübungen weitgehend im Dunkeln. So bringen etwa Ch. Hart Nibbrigs Überlegungen zur Auferstehung des Körpers im Text (1985) die Diskurse über den systematisch bewegten Körper nur am Rande zur Sprache. Der von H.-J. Schings herausgegebene DFG-Band mit dem programmatischen Titel Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert (1994) sowie H. Pfotenhauers Litera­rische Anthropologie. Selbstbiographien und ihre Geschichte – am Leitfaden des Leibes (1987) räumen dem Auf­kommen der Leibesübungen und ihrer gleichfalls anthropologischen Perspektivierung keinen Platz ein.

Um die besonders stark befestigte Grenze zwischen dem literaturwissenschaftlichen Themenkanon und den vorrangig von der Sportgeschichtsschreibung behandelten Leibesübungen sowohl themati­sieren als auch überwinden zu können, ist eine kulturwissenschaftliche Öffnung der Perspektive un­entbehrlich, also „eine Form der Moderation“, die es vermag,

die heterogenen, hochspezialisierten, gegeneinander abgeschotteten Ergebnisse der Wissenschaften zu ‘dialogisieren’, auf strukturelle Gemeinsamkeiten hin transparent zu machen, auf langfristige Trends hin zu befragen, disziplinäre Grenzen zu verflüssigen und ein Geflecht von Beziehungen, Vergleichen, Differen­zen, Austauschprozes­sen und Kontexten zu entwickeln. (H. Böhme / K.R. Scherpe)

Ein solcher Moderationsansatz ist im Fall der Leibesübungen auch deshalb angebracht, weil sich hier die Geschichten des Geistes, des Körpers und der Gesellschaft überschneiden.

[Th. Schmidt, 06/2005]

 

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